Tierische Bücherfreunde und ihre Besonderheiten

Haben Sie sich schon einmal gefragt, aus welchem Grund Bücher und Tiere in unserem täglichen Sprachgebrauch miteinander in Bezug gesetzt werden? Warum spricht man landläufig von einer Leseratte oder einem Bücherwurm und wo sind diese possierlichen Artgenossen zu finden? Das wollen wir uns in diesem Blogbeitrag etwas genauer anschauen – mit einem kleinen Augenzwinkern, versteht sich.


Überall zu finden – die Leseratte

Nehmen wir als erstes die Leseratte. In der biologischen Systematik gehören die Leseratten zur Unterfamilie der sogenannten Altweltmäuse. Es gibt sehr viele, in Größe und Gewicht allerdings etwas unterschiedliche Arten.
Das Vorkommen der Leseratte ist in Deutschland bereits für die Mitte des 15. Jahrhunderts historisch belegt: Der Goldschmied Johannes G. aus Mainz soll erste Exemplare in seiner Werkstatt gesichtet haben. Von dort aus häuften sich die Berichte über Sichtungen dieser meist genügsamen und anpassungsfähigen Tiere; bald schon aus ganz Europa. Inzwischen ist die Leseratte weltweit verbreitet und innerhalb der Gattung haben sich diverse Arten entwickelt.

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Meist richtet sich die systematische Benennung der Art nach Ernährungsweise und Geschmack der jeweiligen Tiere. Da gibt es etwa die geselligen Belletristikratten (Rattus communis), die sich noch weiter in spannungsbegeisterte Krimiratten (Rattus delictum) und ausgeglichene Erzählungsratten (Rattus fabula) unterteilen lassen. Oder die etwas anspruchsvolleren Sachbuchratten (Rattus doctus), die sich häufig auf ein Spezialgebiet konzentrieren, aber grundsätzlich sehr vielseitig interessierte Leseratten sind. Nicht zu vergessen die meist etwas zurückgezogener lebenden Fantasyratten (Rattus imaginationis), die ihre Habitate nur gelegentlich zur Nahrungssuche verlassen, denn die Kommunikation mit Gleichgesinnten findet meist über spezielle Kanäle statt. Und, sagen wir es an dieser Stelle ruhig ganz offen, manche Exemplare der Leseratte sind wahre Allesfresser.
Wie der Name schon ahnen lässt, hält sich die Leseratte bevorzugt in der Nähe von Büchern auf. Als Lebensraum kommen daher beispielsweise Buchhandlungen, Antiquariate, Bibliotheken und Büchereien infrage – denn all das sind Orte, an denen die Leseratte sich heimisch fühlt. Sie schleppt die erbeuteten Bücher gerne in ihren Bau und erfreut sich an ihnen, je nach Gattung finden sich wahre Ansammlungen dieser wertvollen Schätze. Da es sich bei der Leseratte um ein sehr intelligentes Tier handelt, findet zwischen besonders ausgefuchsten Exemplaren ein äußerst reger Austausch der Bücherbeute statt. Gerne auch mit Tipps und Empfehlungen über Thematik und Inhalt der neuesten Errungenschaften, und so treffen sich manche Leseratten regelmäßig allein zu diesem Zweck.
Die gemeine Leseratte ist trotz diverser Ausrottungsversuche grundsätzlich nicht in ihrem Bestand bedroht. Seit einigen Jahren gibt es Berichte über eine neue Art, die sich auf papierfreie E-Kost spezialisiert hat. Höchstwahrscheinlich wird sich für diese munteren Gesellen der Gattungsname Rattus digitalis durchsetzen.

Ebenso verbreitet – der Bücherwurm

Betrachten wir nun die Bücherwürmer (Annelida pagina). Diese in der Regel nachtaktiven Tiere sind äußerst scheu, daher bekommt man sie nur selten zu Gesicht. Da sie als nicht besonders gesprächig gelten, hört man nachts allenfalls das leise Rascheln von Papier, meistens sind es – Sie ahnen es bereits – Buchseiten, die umgeblättert werden.
Der erste Bücherwurm der Geschichte soll 1747 in Leipzig gesichtet worden sein. Zumindest lässt uns das Gotthold Ephraim L. wissen, der eine Frau namens Lisette sagen gehört haben will, ihr Bekannter Damis sei „ein Bücherwürmchen“. Etwas mehr als einhundert Jahre später gelang dem Münchner Maler Carl Spitzweg gleich zweimal die Abbildung eines Bücherwurmes. Jedoch anders als der Büchernarr, der 1494 das Narrenschiff des Sebastian Brant anführt, ist der Bücherwurm kein wahlloser Sammler gedruckter Köstlichkeiten. Trotzdem ist sein Speiseplan mitunter etwas breiter gefächert als derjenige der Leseratte. Insbesondere die bloße Menge an Büchern kann auf artfremde Tiere gelegentlich befremdlich wirken. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Bücherwurm und Leseratte in ähnlichen Lebensräumen zu finden sind.

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Fressfeinde und Parasiten

Der Esel hat seine Ohren anscheinend überall – Eselsohren sind jedoch ein vergleichsweise harmloses Phänomen, obwohl weder die Leseratte noch der Bücherwurm erfreut sind, wenn sie einen entsprechenden Befall auf ihren Lesemitteln entdecken. Da die Eselsohren jedoch relativ gut auszubügeln und wieder loszuwerden sind und in den meisten Fällen allenfalls kleinere und nur blasse Narben hinterlassen, sorgen sie nicht weiter für Aufsehen.
Schon gefährlicher ist das Eindringen eines Schmierfinks in das Habitat der Lesewesen. Kleinere Anstreichungen mögen den Lesegenuss zwar nur ein wenig trüben, doch ausgewachsener Schmierfinkbefall kann ein Buch völlig verunstalten. Ja, bis hin zur Unlesbarkeit kann sich diese unliebsame und lästige Seuche ausbreiten. Hier gilt es, frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen und die eigenen Schätze möglichst fernab jeglicher Schmierfinkpopulation sicher zu verwahren.

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Der natürliche – und nebenbei bemerkt auch gefährlichste – Feind des Bücherwurmes und der Leseratte ist allerdings der Reißwolf (Canis lupus lanians), seltener auch Papierwolf genannt. Er vernichtet einfach alles, was zwischen seine Zähne kommt. Da der Reißwolf allerdings vornehmlich in Büro- und Verwaltungsgebäuden lauert, treffen Bücherwürmer und Leseratten nur selten auf ihn. Das ist gut, denn eine Begegnung mit dem Reißwolf endet für die betroffenen Bücher in aller Regel tödlich.

Bitte berichten Sie uns umgehend über die Entdeckung neuer Arten und Unterfamilien!

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